Emma Bragdon: Diagnose „unterdrückte Sensitivität“ – Fall Marcelo

Über das ISEN (international spiritual emergence network) bin ich vor einiger Zeit wieder auf Emma Bragdon, PhD gestoßen, die ich schon als Autorin ihres Buchs über „Spirituelle Krisen“ kannte. In einem Vortrag von ihr, den sie 2015 bei einer Konferenz des Spirituellen Krisen-Netzwerks in Großbritannien gehalten hat, tauchte eine (für mich neue) Diagnose auf, die ich hier gerne mit unseren Blog-Lesern und Leserinnen teilen möchte: Brasilianer benutzen dafür den Ausdruck „Repressed Mediumicity“, Emma Bragdon bevorzugt die Übersetzung „unterdrückte Sensitivität“. 

Emma Bragdon steht seit Jahren in enger Verbindung mit Spiritistischen psychiatrischen Krankenhäusern in Brasilien, die diese diagnostische Kategorie in Ehren halten. Es gibt dort 50 solcher Einrichtungen. In diesen Kliniken wird ein integrativer Ansatz gepflegt: Nach ihren Ausführungen werden dort herkömmliche therapeutische Heilweisen mit energetischen Vorgehensweisen kombiniert, was auch den Einsatz von „medizinisch Intuitiven“ (engl. „medical intuitives“) einschließt. Medikamente werden sehr vorsichtig verwendet.

Fall Marcelo

In ihrem Vortrag stellte Dr. Bragdon einen Fall „Marcelo“ vor, den sie wie folgt schilderte:

Marcelo war ein 28-jähriger Mann aus einer gutsituierten Familie, der als Reiseberater in Sao Paulo arbeitete. Zunächst entwickelte er Depressionen und seine Eltern stellten ihn einem Psychiater vor, der ihn mit Antidepressiva behandelte. Die Behandlung brachte keine Verbesserung, er entwickelte sogar weitere Symptome – begann Stimmen zu hören und hatte das Gefühl, Insekten und Nagetiere würden sich auf seinem Körper hin- und herbewegen. Ein Aufenthalt in einer herkömmlichen psychiatrischen Station führte auch nicht dazu, dass er sich besser fühlte. Seine Eltern holten ihn deshalb wieder dort ab und machten mit ihm eine Urlaubsreise durch Brasilien, um sich gemeinsam zu entspannen – die Symptome verschwanden auch dadurch nicht. Zufällig bekamen die Eltern unterwegs aber Kenntnis von einer Spiritistischen psychiatrischen Klinik und baten um Aufnahme für Marcelo.
Er wurde dort von verschiedenen Fachleuten beurteilt (integrativer Ansatz), einschließlich einem Psychiater und einem Sozialarbeiter. Der Klinikleiter, ein begabter „medizinisch Intuitiver“ traf ihn auch für eine Einschätzung. In der Klinik erhielt er zweimal pro Woche Energiebehandlungen und kam in Kontakt mit weiteren „medical intuitives“, das sind medial begabte Menschen, die über ein besonderes Talent verfügen, medizinische und psychologische Sachverhalte wahrzunehmen, ohne überhaupt mit dem Patienten zu sprechen. Sie konnten auch Marcelos sensitive Begabung erkennen und begannen, ihn langsam über einen längeren Zeitraum zu unterrichten, wie er diese Fähigkeiten nutzen könnte. Nebenbei fand aber auch ganz normale therapeutische Arbeit statt, um seine dysfunktionalen Familienmuster anzugehen. Auf diese Weise ging es ihm immer besser und besser und er konnte entlassen werden. Seine Symptome verschwanden.

In dieser brasilianischen Tradition gibt es die Diagnose „unterdrückte Sensitivität“ (engl. „repressed mediumicity“). Damit ist gemeint, dass jemand, der von Natur aus solche Begabungen besitzt, gelernt hat, sie zu unterdrücken, weil sie nicht zu seinen sozialen und/oder religiösen Konditionierungen passten und in seiner Umgebung nicht willkommen waren. Aufgrund dieser Verdrängung können sie zu einem Schatten werden und zu ungesunden Notfällen führen. Um solche Entwicklungen zu beeinflussen, ist es gut, die besonderen Begabungen im Verlauf der Behandlung schon früh als wertvoll zu erkennen und den Patienten/die Patientin darin zu unterweisen, sie sinnvoll zu nutzen. Auf diese Weise bleiben die Betroffenen psychisch in Balance, werden selbstaufmerksamer und es gelingt ihnen eher, die Talente im Dienste anderer heilend zu verwenden.

Weitere Informationen zu diesem Thema:

Emma Bragdon, PhD, nimmt einmal im Jahr eine kleine Gruppe von Gesundheitsdienstleistern nach Brasilien mit, um mehr darüber zu erfahren, wie die brasilianischen Kollegen in der Spiritistischen Psychiatrie arbeiten. Brasilien-Reisen mit Emma Bragdon
Mehr über den Spiritistischen Psychiatrieansatz kann in diesem Buch nachgelesen werden, das von ihr (2011) herausgegeben wurde: Spiritism and Mental Health.

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Welche Erfahrungen gibt es bei unseren Lesern zu diesem Thema?
Brauchen wir solche neuen Diagnosen?
Welche Perspektiven eröffnen sie uns, wenn wir sie benutzen?

1 Gedanke zu “Emma Bragdon: Diagnose „unterdrückte Sensitivität“ – Fall Marcelo

  1. Ein spannender Beitrag mit wirklich guten Fragen am Ende, danke!
    Natürlich ist es schön und wertvoll. wenn Mensch nach einer langen Odyssee der Sensitivität den gebührenden Platz im Leben einräumen kann und darf. Von daher mag der oben geschilderte Fall idealtypisch verlaufen sein, d.h. zu einer Art von Happy End geführt haben. Was aber, wenn Mensch entdeckt, dass es ihm zum Schaden gereicht, jetzt endlich ganz „er selbst“ zu sein? Was, wenn im Lebensumfeld einfach nicht die geeigneten Bedingungen existieren, um die Sensitivität wirklich zu leben?
    Ich denke schon, dass einem sensitiven Menschen, der in die Mühlen der herkömmlichen, d.h. in Deutschland üblichen Psychiatrie-Mühle geraten ist, geholfen wäre, wenn er von offizieller Seite rehabilitiert würde nach dem Motto. „Du bist nicht krank. Du bist bloß sensitiv und deshalb womöglich krank geworden.“
    Bei mir war es so, dass ich mich selbst rehabilitieren musste. Ich merkte: Kein anderer würde es je für mich tun. Die zum Vorschein gekommene Sensitivität hat mich krank gemacht, weil ich mit der Welt einfach nicht mehr zurecht kam. Heute bin ich froh, dass es Medikamente gibt, die mich schützen, indem sie die Einflüsse, die auf mich wirken, abpuffern. Würde ich auf einer einsamen Insel leben, bräuchte ich keine Pillen. Natürlich stelle ich mir ab und an die Frage, was aus mir geworden wäre, wenn ich durch meine Krise so verständnisvoll und kompetent begleitet worden wäre wie Marcelo. Vielleicht hätte ich es dann nicht gebraucht, vollends psychotisch zu werden und meine Welt (und die meiner Angehörigen) für eine Weile auf den Kopf zu stellen. Vielleicht wäre aus mir eine Heilerin geworden, vielleicht eine Schamanin. Vielleicht…

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